Fünf Jahre nach Vereinsgründung

Wie die Bürgerbus-Fahrer in Wallenhorst zur eingeschworenen Gemeinschaft wurden

Von Andreas Wenk |NOZ

21.05.2022

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen – das gilt auch für die ehrenamtlichen Fahrer, die ihre Runden für den Verein Bürgerbus Wallenhorst-Wersen drehen. Die wissen ein „Dankeschön“ ebenso zu schätzen wie die Gemeinschaft. Ein Stimmungsbild zum fünften Geburtstag der Initiative.

Von der Dankbarkeit vieler Fahrgäste berichten sowohl die Vereinsvorsitzende Marion Müssen als auch ihr Stellvertreterin Dorothee Hoffmann. Dabei seien es nicht nur Senioren, die anders kaum zum Arzt oder zum Einkaufen kämen; auch Jugendliche wüssten das Angebot zu schätzen und nähmen den Service beispielsweise für eine Fahrt zum Konfirmandenunterricht oder zum Sport an und verzichteten damit auf das „Mama-Taxi“.

Vom Bürgerbus ins Carsharing-Auto

Damit erfüllt der Verein gleichermaßen eine soziale und eine ökologische Funktion. Hoffmann berichtet, dass ein Dauergast regelmäßig von Rulle nach Wallenhorst fahre, um dort das Carsharing-Angebot zu nutzen und damit weiter zum Großeinkauf zu fahren. Auch von einer netten Verwechslung weiß sie zu erzählen: In der Adventszeit lag im Bürgerbus ein bunter Teller mit einer Grußkarte von „Katharina“. Alle dachten zunächst, es handele sich um die nette Geste einer gleichnamigen Fahrerin. Erst als die gar nichts mit dem Dank ihrer Kollegen anzufangen wusste, stellte sich heraus, dass Katharina eine Stammkundin war, die sich auf diese Weise beim Team erkenntlich zeigen wollte. Und Müssen wiederum ist ganz begeistert, dass Jugendliche, denen sonst oft begrenzte soziale Kompetenzen nachgesagt werden, sich beim Aussteigen für die Fahrt bedankten.

Einer springt für den anderen ein

Wer mit den Fahrern spricht, erfährt schnell, dass es sich um eine eingeschworene Gemeinschaft handelt, die sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben hat. „Wer seine Tour etwa wegen eines Arzttermins nicht fahren kann, schreibt das in die Whatsapp-Gruppe“, sagt Hoffmann. Schnell finde sich dann jemand, der das übernehme.

20 bis 25 Fahrer braucht der Verein, damit alle Touren gesichert sind, ohne einzelne Fahrer zu überlasten. Jede Tour dauert viereinhalb Stunden, dann ist Fahrerwechsel. Die gesetzlichen Vorgaben werden penibel eingehalten. Zurzeit gibt es genügend aktive Fahrer, aber die sind meist über 60 Jahre alt. Sie alle besitzen den Personenbeförderungsschein. Damit liegt die Hürde so hoch wie bei einem Taxifahrer. Das ist gut für die Sicherheit der Fahrgäste, kann aber zum Problem werden, wenn alle fünf Jahre die Verlängerung ansteht und die Gesundheit nicht mehr so mitspielt. Hoffmann kündigt deshalb für den September eine Werbeaktion an. So will der Verein weitere Fahrer akquirieren.

Weitere Fahrer gesucht

Derzeit endet die letzte Fahrt im Ruller Ortszentrum; Fahrdienstleister Heiner Fiedeldey wünscht sich aber, dass insbesondere Rulle-Ost noch besser angebunden wird. Um das Angebot zu erweitern, bräuchte der Verein allerdings mehr Fahrer und eine dritte Schicht, denn „das soll Ehrenamt bleiben und nicht in Arbeit ausarten“, wie Fiedeldey sagt – schließlich solle der Spaß erhalten bleiben.

Eine Vorstellung davon, was den ausmacht, liefert Fiedeldey gleich mit: Als das freundliche Winken eines Fahrgastes am Straßenrand missverstanden worden war, rief dieser bei Fiedeldey an, weil dessen Nummer auf den Fahrplänen angegeben ist. Da habe er sich ins Auto gesetzt und den Anrufer abgeholt.

 

Ähnliches schildert auch Hoffmann: Sie rettete den Karnevals-Ausflug von vier Herren mit Narrenkappe. Die wollten nach Hasbergen und zuvor in Wallenhorst frühstücken. Weil der Bus aber ausgefallen war, setzte sie sich kurzerhand in ihren Kleinwagen und kutschierte die Narren selbst nach Wallenhorst.

Vereinsleben funktioniert

In der Gründungsphase musste der Verein zahlreiche Widerstände überwunden, dann folgte Corona. Jetzt ist erstmals ein ganzes Jahr durchgefahren worden – all das hat die Gemeinschaft zusammengeschweißt. Wer per WhatsApp ankündigt, noch ein Bier an der Garage auf Hof Heidemann zu trinken, wenn er den Bus abgestellt hat, findet nicht selten fünf Mitstreiter, die die Idee als Anregung aufgreifen und dazu stoßen. Ebenso wird gemeinsam gegrillt, aber eben auch gemeinsam gearbeitet: Beim jüngsten der regelmäßigen Fahrertreffen diskutierten die Fahrer mit großer Ernsthaftigkeit über Details des Fahrplans.

Dabei nutzten sie die Kompetenz ihres Gastes, Martin Sturm vom Fahrgastverband „Pro Bahn.“ Der sprach dem Bürgerbusverein ein großes Lob aus: Nicht nur, weil er über eine Datenbasis verfüge, die genau dokumentiert, wie viele Fahrgäste an welchen Haltestellen ein- und aussteigen, sondern auch, weil die Pläne intuitiv nachvollziehbar und klar getaktet seien. Kürzlich sei er bei einem andere Bürgerbus-Verein gewesen, berichtete der Wallenhorster – und lobte: „Alles, was dort falsch läuft, habt Ihr richtig gemacht.“